Montag, 29. September 2008

Gus Backhus - Sauerkraut Polka

26.09.2008 – Herbst

Der Herbst ist da. Fast wie der deutsche Herbst. Es ist bewölkt oder regnet. Nur, dass wir hier immer noch 29 Grad haben. Aber das ist nicht ganz so schlimm. Ich kann nachts jetzt schon ohne Ventilator schlafen. Nachteil ist jedoch, dass das Wasser zum Duschen morgens jetzt auch kühler ist. Aber dann werde ich wenigstens richtig wach.
Gestern hat Tina für ihr Video den Chef interviewt. Es war sehr lustig, da er manchmal die Frage nicht verstanden hat und mal auf Englisch, mal auf bengali geantwortet hat. Jetzt darf sie erst mal den bengalischen Teil übersetzen lassen und dann alles schneiden.
Abends hat sie dann gemeint sie bräuchte endlich anderes Essen. Ich habe mich jetzt an das immer gleiche Essen gewöhnt, aber sie brauchte nach ihrer Krankheit mal etwas anderes, nahrhaftes, westliches. Banani hat alles aufgetischt was in VSSU zu bekommen war. Kekse, instant Nudelsuppe, Obst und Ei. Danach ging es Tina schon etwas besser. Einer der Leute wurde noch losgeschickt und hat extra Kokosnuss, mehr instant Suppen, und sogar Cornflakes geholt. Naja mir reicht es, wenn ich jetzt abends immer ein Glas Milch habe. Tut meinem westeuropäischen Wohlstandsbauch auch mal ganz gut nicht so fettes Essen zu mir zu nehmen. Morgen fahren wir zusammen nach Laxmikantapur und Tina holt sich Süßigkeiten, Kekse und alles was sie bekommen kann. Am Abend ist sie dann früh ins Bett gegangen. Ganz gesund ist sie noch nicht. Ich hab mit Bonani einen weiteren Film, Hot Fuzz, geguckt. Sie scheint den britischen Akzent besser zu verstehen als den amerikanischen. Für Sonntag haben wir gar keinen Ausflug geplant. Wir können ja mal langsam anfangen unsere Tour zu planen. Tina will nicht nach Darjeeling in den Himalaya, weil das einen Tag dauert da hin zu kommen. Werde ich wohl noch etwas Überzeugungsarbeit leisten müssen. Den dritthöchsten Berg der Welt und die Teefelder wollte ich schon angucken und Oktober ist die beste Zeit um dahin zu reisen. Aber das können wir ja noch ausdiskutieren. Ich hoffe morgen wird mal gutes Wetter. Meine Wäsche schreit schon danach gewaschen zu werden. Gut, dass ich so viele Sachen mit habe.


27.09.2008 – Kündigung

Heute hat Bonani gekündigt. Irgendwie war den ganzen Tag Stress in der Organisation und abends hat sie dann ihre Kündigung geschrieben. Sie wird aber noch den Oktober hier arbeiten da sie das Geld braucht und ihre neue Stelle noch nicht anfängt. Sie war dann nicht mehr so gut drauf, hat aber für uns einen Essensplan entworfen. Drei Mal die Woche gibt es jetzt Hühnchen, so auch am heutigen Abend und außerdem Nudeln und mehr Kartoffeln. Die Nudeln hätten sie von mir aus auch weglassen könne, aber wenn es Tina schmeckt.
Abends waren wir dann mit Bonani in Laxmikantapur einkaufen, das tat auch ihrer Laune ganz gut. Ich habe einen indischen Snack, bestehend aus Erdnüssen, anderen Nüssen und irgend so einem salzigen Gebäck gekauft. Keine Ahnung was das ist, aber es schmeckt sehr gut. Man bekommt es auch immer im Restaurant als Snack vorher gereicht. Dann habe ich noch Kaugummis, Butterkekse und vier Packungen Limonenkekse gekauft. Bonani sagt die schmecken so gut, da hab ich ihr gleich auch noch eine gekauft. Die erste haben Tina und ich übrigens schon aufgegessen. Die schmecken wirklich gut. Werden wohl die nächste Woche nicht überleben.
Auf der Arbeit gab es auch noch etwas Interessantes. Ich habe nach neuen Geldgebern im Deutschsprachigen Raum gesucht und es gibt doch tatsächlich einen Fond in Deutschland und einen in der Schweiz die nur Mikrokreditunternehmen finanzieren. Gar keine schlechte Alternative wenn man die Finanzmärkte heue anguckt. Und etwas Gutes tut man dabei auch noch. Also Leute, legt euer Geld in Mikrokrediten an.


28.09.2008 – Lazy Sunday

Heute war mit mir absolut nichts anzufangen. Ich war bis nach zwei wach, weil ich um elf noch angefangen hatte Apocalypse Now zu gucken. Und der dauert nun mal über drei Stunden. Ich dachte, ich könnte ja ausschlafen aber falsch gedacht. Um acht klopfte es an die Tür, das Frühstück war fertig. Also habe ich mich aus dem Bett erhoben und kurz gefrühstückt um dann wieder ins Bett zu kriechen. Doch mit Schlafen war nichts, da eine Viertelstunde später Tee kam. Ich trank ihn aus und legte mich wieder hin. Doch zehn Minuten später wurde die Tasse wieder abgeholt. Dann konnte ich endlich wieder schlafen, eine halbe Stunde denn dann kam die Putzfrau in mein Zimmer geplatzt, hat gefegt und mein Bett abgezogen. Ich fühlte mich wie im Werner Film, wo er im Krankenhaus auch ständig gestört wird. Ich hab das Schlafen dann aufgegeben und bin zu Tina gegangen um mich mit ihr zu unterhalten.
Nach dem Mittagessen legte ich mich wieder hin und konnte auch tatsächlich schlafen. Bis Tina nach einer Zeit kam und meinte ein Affe wäre auf dem Dach. Also sind wir beiden wie die größten Touris mit Video- und Fotokamera aufs Dach und haben den Affen gefilmt und Fotografiert. Der Affe hat ein paar Scheiben zerbrochen, die da oben gelagert wurden. Aber da es ein heiliger Affe war, wurde ihm als Belohnung eine Banane gegeben. Als VWL-Student frage ich mich jedoch wie ein Schaden durch einen Affen bilanziert wird?
Nachmittags konnte ich, da es endlich wieder schön geworden ist Wäsche waschen. Dann habe ich noch ein wenig im Internet gesurft und eine Seite gefunden, wo man Bücher kostenlos runterladen kann. Endlich wieder etwas zu lesen. Wen es interessiert: http://gutenberg.spiegel.de/
Mit Mama habe ich noch telefoniert und jetzt geht es pünktlich ins Bett. Wirklich ausgeschlafen bin ich nämlich nicht.


29.09.2008 – Unsere Lieblingszweigstelle

Der Morgen begann sehr erheiternd, denn eine kleine Schlange schlängelte sich durchs Büro und alle Frauen sind schreiend davon gelaufen. Dabei war die ganz harmlos. Die Leute vom Schweizer Mikrokreditfonds haben zurück geschrieben, sie wollen mehr Informationen. Ich habe ihnen mal alles geschickt, was sie interessieren könnte. Das hat gedauert, bis ich alles hochgeladen hatte.
Am Nachmittag sind wir mal wieder nach Diamond Harbour gefahren, da Tina zwei Klienten und deren Geschichte für ihr Video filmen wollte. Das war aber gar nicht so einfach. Beim ersten Klienten hat eine Frau Holz gehackt und gar nicht eingesehen das mal für zehn Minuten zu lassen. Außerdem haben ständig Enten, die irgendjemand im Käfig gehalten hat, geschnattert. Und zu allem Überfluss ist schon wieder der Beginn irgendeines Festes und so wurde das ganze Dorf mit lauter, indischer Musik beschallt.
Beim der zweiten Klientin war es nicht besser. Die Kommunistische Führung hatte begonnen Propagandareden ins Mikro zu gröhlen und das aus lag genau an der Straße, so dass ständig klingelnde Fahrräder oder hupende Rikschas, Motorräder oder Autos zu hören sind. Ich hoffe man versteht wenigstens einigermaßen etwas.
Die Zweigstelle haben wir mit Anustee besucht, die ursprünglich auch aus Diamond Harbour kommt. Wir haben dann auf dem Rückweg ihren Großvater besucht. Der ist inzwischen schon 85, für Inder ein sehr hohes Alter. Also Jahrgang 1923, als Indien noch Englische Kolonie war. Gandhis gewaltlosen Widerstand hat er genauso miterlebt wie die große Hungersnot von 1943. Er konnte außerdem exzellentes Englisch sprechen und hat „ein wenig“ erzählt. Sein einer Sohn war als Ingenieur ein paar Monate in Deutschland und Frankreich. Er konnte sich nicht mehr an die Stadt erinnern, nur dass sie irgendwo am Rhein liegt. Das schränkt die Auswahl natürlich erheblich ein. Und eine Schwester von Anustee hat als Nanophysikerin sogar eine Zeit lang in Göttingen geforscht. Als ich ihn fragte, was denn sein Beruf gewesen sei meinte er, ob ich ihm denn nicht zuhöre. Ich dachte er hätte das schon erzählt und ich mich verhört, aber dann meinte er nur ein Berufsstand würde so viel erzählen: Lehrer. Er war Chemielehrer und manchmal auch Mathe, je nach dem was gerade gebraucht wurde. Leider mussten wir aber wieder nach Hause, ich hätte gerne noch mehr erfahren. Aber vielleicht kommt ja noch einmal eine Gelegenheit.
Jetzt lese ich noch ein wenig. Tina ist damit beschäftigt den Ton einigermaßen zu verbessern. Da kommt Freude auf. Ach und ein paar neue Bilder sind auch mal wieder online.

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