Freitag, 29. August 2008

Falco - Der Kommissar

28.08.2008 - Auf dem Dach der Welt

Dort bin ich zwar nicht ganz, aber auf dem höchsten Punkt meiner überschaubaren Welt hier, dem Dach des VSSU Gebäudes. Erwähnte ich bereits, dass ich dieses Land liebe? Um mich herum blitzt es ohne Ende. Im Norden, Osten und Süden tobt ein riesiges Gewitter und ich sitze hier bei einem lauen Lüftchen und schreibe den Blog. Ein grandioses Naturspektakel. Aber ich beschreibe es einfach mal. Ich sitze hier auf dem Dach und es ist wunderbar friedlich. Die Felder liegen im Dunkeln, man kann sie nur noch erahnen. In der Ferne zeichnen sich die Bäume als dunkle Schatten ab. Eine erfrischende Brise weht von Norden her um mich. Die einzigen Geräusche, die ich vernehme sind Grillenzirpen, Froschquaken, gedämpfte Stimmen von unten und aus der Ferne das Grollen des Donners. Das Gewitter wandert langsam auf mich zu doch noch ist es weit entfernt. Blitze erhellen von Zeit zu Zeit den gesamten Himmel. Ich denke es wird das erste richtige Monsungewitter werden, das ich erlebe. Langsam wird der Wind stärker und vereinzelt fallen Tropfen, doch noch kann mich nichts von meinem Dach vertreiben. Ich bleibe und genieße, so lange es nur geht.
Nun hat mich doch ein Blitz in geschätzten drei Kilometern Entfernung vom Dach verjagt und ich stehe unter einem Dach und beobachte wie sich das Gewitter langsam über uns zusammenbraut. Es wird zunehmend stärker und die Einschläge nehmen immer mehr zu. Ich habe Maria und Tina aufs Dach geholt. Es schüttet wie aus Kübeln doch das Zentrum ist noch nicht angekommen.
Jetzt, eine Viertelstunde später sind wir mitten drin. Es blitzt und donnert ohne Unterlass. Überall schlägt der Blitz ein. Maria und ich stehen wie gebannt am Fenster um einen Blick auf einen zu erhaschen doch es regnet so stark, dass es mehr als taghell wird und kurz darauf ein ohrenbetäubender Knall folgt, man den eigentlichen Blitz aber gar nicht mehr erkennt. Maria hat sich einen Stuhl geholt, die Füße aufs Fensterbrett gepackt und genießt das Ganze, jubelt bei jedem Einschlag in der Nähe. Sie ist schon etwas verrückt. Tina, die so etwas aus Australien gewohnt ist liegt im Bett und schläft schon halb. Ich liege auch im Bett und muss diese Zeilen noch loswerden. In der Zwischenzeit ist mal wieder der Strom ausgefallen, auch der Generator hat versagt. Gut, dass es sich abgekühlt hat und ich keinen Ventilator brauche und mein Laptop einen Akku hat.
Wie lange wohl so ein Gewitter gehen mag? Es dauert nun schon über eine Stunde an und noch immer schlagen in der Nähe Blitze ein. All die Armen Menschen hier, die kein Dach über dem Kopf haben. Schon unser Flur ist überschwemmt, wie mag es da sein, wenn man schutzlos draußen kauert und hofft, dass es endlich vorbei ist? Ich werde morgen vom heutigen Tage berichten. Jetzt kann ich nicht weiter schreiben.

Nachtrag:
Also ich bin heute Nacht um halb 4 einmal wach geworden und da war das Gewitter immer noch nicht vorbei. Aber nun zum eigentlichen Tag. Er begann wie immer und ich habe ein Praktibooklet zusammengestellt, da ich mir dachte, dass es für neue Leute ganz gut wäre gleich einen Überblick zu haben anstatt sich von 5 verschiedenen Leuten die Sachen zu besorgen. Besonders Fotos mit Namen sind wichtig, wie ich ja aus eigener Erfahrung weiß. Und Maria haben wir eingearbeitet.
Eine verrückte Frau. Sie ist 35, unverheiratet und lebt in Madrid. Im Moment ist sie auf einer Reise rund um die Welt und hier, weil ein Freund von ihr ein Freund von Mr. Mondal ist (Ein Mikrofinanzkerl aus Bangladesh) So wird sie uns hier also nur drei Wochen mit ihrer Anwesenheit beehren, dann fliegt sie weiter auf die Philippinen, nach Sydney, Brisbane, Neuseeland, Hawaii, Nordamerika und was weiß ich wohin noch. Sie ist sehr, sehr offen, fröhlich und einfach total aufgedreht. Aber sie hat Ahnung von der Materie. Und sie hat so ihre Probleme mit der englischen Sprache. Als ich von Mr. Mondal sprach hat sie gefragt, welche Samantha ich denn meinen würde. Aber wir verstehen sie schon und ich übersetze für sie manchmal ins richtige Englisch, wenn sie mal wieder Tinas oder den indischen Akzent nicht versteht. Außerdem hat sie panische Angst vor jeglichen Insekten. Sie ist fast gestorben, als ich eine Gottesanbeterin im Zimmer entdeckt habe und dann auch noch ein Grashüpfer durch Zimmer flog. Wie hat sie bisher die Weltreise überlebt?
Gegen Abend kam dann der Chef und fragte, ob wir mit ihm den Schuldirektor der neu eingeweihten Schule besuchen wollen. Natürlich wollten wir. Also sind wir schon mal raus und Mr. Mondal wollte gleich nachkommen. Solange wir gewartet haben, hat der Fahrer den Jeep schon mal angemacht und 3 Minuten volle Pulle Gas gegeben, damit die Klimaanlage kalt wird. Kann man mal machen, wenn der Wagen kalt ist, ist auch gar nicht umweltschädlich oder verbraucht Unmengen Benzin. Als wir dann eingestiegen sind wurden alle Fenster aufgerissen und die Klimaanlage ausgeschaltet. Manche Dinge versucht man erst gar nicht zu verstehen. Wir haben dann einen kleinen Stopp an der Bibliothek eingelegt, damit Maria diese auch einmal besichtigen kann. Währenddessen war eine Gruppe kleiner Kinder am Singen, irgendwelche hinduistischen Lieder über Mönche und die 100 Götter die sie hier haben. Aber sehr niedlich die kleinen.
Dann sind wir zum Rektor gegangen, mit dem wir erst ein bisschen Smalltalk betrieben. Wenig später ging aber schon, da Menschen aus 3 Kontinenten zusammensaßen, eine Diskussion über die Unterschiede der Kulturen los. Auch die Frau vom Rektor war da, eine Geschichtslehrerin. Wir haben uns über alles mögliche Unterhalten, von der Korruption in Indien und den verschiedenen Schulsystemen über das Wetter und AIESEC bis hin zum Kommunismus in West Bengalen. Und so gingen 1 ½ Stunden viel zu schnell vorbei und unser Essen wartete zu Hause. Vorher versprachen wir aber noch auf jeden Fall wiederzukommen um die Diskussion weiterzuführen. Die Frau möchte gerne etwas über deutsche Geschichte wissen, weil sie schon so viel davon gehört hat, von Bismarck bis zur Wiedervereinigung. Wer war Geschichts-Leistungskurs und schickt mir eine Kurzzusammenfassung? Außerdem sollen wir zu den Kindern in die Klassen und denen ein paar Bilder von zu Hause zeigen, wie es so in den anderen Ländern aussieht, auch wenn die kleinen noch kein Englisch können, aber Bilder sagen ja auch manchmal mehr als Worte. Ich werde auf jeden Fall sehr gerne hinkommen. Dann fuhren wir wieder nach Hause, wo das super leckere Abendbrot und das bereits erwähnte Gewitter folgten. Tina und ich schmieden einen Plan wie wir ein Schwein entführen und auf den Reisfeldern Spanferkel machen. Wir brauchen eine Rikscha, einen Knebel, Feuerholz und jemanden der sich mit Spanferkel auskennt. Und töten muss ich es auch nicht unbedingt, das kann Tina machen. Wo gibt es hier überhaupt Schweine?
Oh und das Problem mit den Ameisen konnte gelöst werden. Hier gibt es so eine Magic Chalk, also Wunderkreide die die Ameisen vergrault. Keine Ahnung was für Chemikalien da drin sind, soll mir auch egal sein, ich benutze sie nicht. Die Inder machen immer ihre Späße damit. Wenn man einen Kreidestrich zieht symbolisiert das die Indisch-Pakistanische Grenze. Die Ameisen sind natürlich auf der pakistanischen Seite. So lange sie auf ihrer Seite bleiben, passiert ihnen nichts, aber wehe einer überquert unerlaubt die Grenze, dann folgt sofort die Vergeltung der Inder in Form einer Schuhattacke. Mit diesem höchst indischen Witz werde ich den heutigen bericht auch abschließen.

29.08.2008 – Wie kalt es sein kann

Ich bin irgendwie schon zu akklimatisiert. Nach dem gestrigen Gewitter haben wir heute nur noch 26 Grad, es ist windig und regnet ab und zu, wobei Regen das falsche Wort ist. Gestern sind bestimmt 50 Liter auf den Quadratmeter runtergekommen. Ich hab das mal gefilmt. Auf jeden Fall fand ich es heute etwas frisch und so trug ich zur sowieso immer langen Hose noch ein langärmeliges Hemd. Bei 26 Grad, ohne zu schwitzen. Unfasslich so was. Bitte kauft mir eine Heizkanone und einen Raumbefeuchter für den November. Ich möchte mein Zimmer bei 90% Luftfeuchte und 32 Grad vorfinden. Nachdem es mit dem Ausflug heute Morgen wegen anhaltenden Regens nichts geworden ist, gingen wir ganz normal ins Büro. Da weder der Strom noch der Generator gingen gab es auch keine Musik zum mitgröhlen. Der Generator funktioniert übrigens glücklicherweise wieder. Wenn er das nicht täte wäre es auch doof, da bis auf zwei Stunden heute Vormittag kein Strom hier ankommt. Ich habe den Vormittag am Praktibooklet weitergearbeitet, Tina hat mal wieder ein Umfassende Internetrechercher durchgeführt (Das braucht bei diesen Ladezeiten schon den ganzen Vormittag) und Maria wollte die Bibliothek besuchen. Bis dahin ist sie aber nicht gekommen, weil sie im Dorf eine Frau getroffen hat und sich mit Händen und Füßen mit ihr unterhalten hat. Maria wurde dann auch spontan zu ihr nach Hause ins Nahbardorf eingeladen. Die Familie, des Englischen oder Spanischen nicht mächtig und Maria, des Bengali nicht mächtig haben sich dann über Bilder unterhalten. Die Frau ist schon ein kleines Phänomen.
Nach dem Mittag waren wir beim Chef, er hat uns großzügig erklärt, dass jeder Angestellte im Jahr 72 Tage Urlaub hat. Dabei zählt er doch tatsächlich Sonntage als gewährten Urlaub... Weiter ging es dann wieder in eine Zweigstelle, Dhola, die neun Kilometer entfernt kiegt. Da wir unseren Bus verpasst haben, sind wir mit der Rikscha gefahren. Das mag ich sowieso viel lieber. Einem weht ein laues Lüftchen um die Nase, es macht keinen Krach und man sieht viel mehr. Pünktlich zu unserer Ankunft zog ein Gewitter herauf und der Strom fiel aus. Wir haben uns erst mal mit der Belegschaft unterhalten und die Daten der Leute eingesehen, die wir besuchen sollten. Dieses Mal ging es zu erst zu einem Schmied. Es ist der Wahnsinn das hier zu sehen, Arbeitsmethoden wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er stellt kleine Handwerkzeuge wie Sicheln her. Das Metall wird in einem mit Handblasebalg belüfteten Kohlefeuer erhitzt und dann mit dem Hammer bearbeitet. Zum Schluss kommt es auf die elektrische! Schleifmaschine, die wegen Stromausfall natürlich nicht funktioniert hat. Nur so viel, vor dem Kredit haben 4 Leute von 50 Rupien (80 Cent) am Tag leben müssen. Keine Ahnung wie die überhaupt am Leben geblieben sind. Jetzt machen sie einen Gewinn von 250 Rupien am Tag. Danach waren wir bei einer Frau, die, man höre und staune, ein Kosmetikstudio aufgemacht hat. Auch Indiens Landbevölkerung will die Vorzüge von Maniküre und Petiküre nicht missen. Zu guter Letzt suchten wir noch einen Mann auf, der Puffreis verkauft, ein boomendes Geschäft in Indien. Er ist schon seit 10 Jahren Kunde bei VSSU und quasi Monopolist in den umliegenden Dörfern. Wöchentlich verkauft er Puffreis im Wert von 40.000 Rupien. Keine Ahnung wie viele Tonnen Reis das sind. Zum Abschied hat er uns einen großen Beutel voll geschenkt.
Zum Dorf selber, es ist recht schmutzig wie die meisten Dörfer und Städte in Indien. Es gab einen Fischmarkt, den man 5 Meilen gegen den Wind riechen konnte. Es hat erbärmlich gestunken. Ich schätze der Fisch hat dort schon seit morgens gelegen, ungekühlt bei 28 Grad und 80% Luftfeuchte mit einem Dutzend fliegen pro Fisch, aber die Leute haben munter gekauft. Ich sehe unseren Fisch, den man uns zum Mittag und Abendbrot serviert jetzt mit anderen Augen. Außerdem leben in dem Dorf 96% Muslime, doch außer, dass die Frauen ihre Sari auch auf dem Kopf tragen habe ich keinen Unterschied feststellen können. Hier leben Hindis und Muslime friedlich Tür an Tür. Ich glaube es liegt daran, dass sich die Menschen hier nicht vorrangig mit ihrer Religion, sondern ihrer Kultur identifizieren. Und die ist bei Muslimen und Hindus die gleiche, denn sie sind Bengalen, sprechen die gleiche Sprache und schreiben die gleichen Buchstaben. Außerdem leben Hindus und Muslime seit der türkischen Invasion im 13. Jahrhundert hier zusammen.
Nachdem wir fertig mit den Interviews waren, war es auch schon sechs und wir sind mit dem Bus nach Hause. Aber von der Bushaltestelle zu VSSU hat sich kein Rikschafahrer mehr gefunden, der uns fahren wollte. Die haben alle vor dem Fernseher gesessen und sich unterhalten. So mussten wir zu Fuß gehen, aber es hatte zum Glück aufgehört zu regnen. Tina und ich haben einen neuen Plan, wir nehmen ein Lamm. Das ist zwar niedlicher als ein Schwein, aber leichter zu entführen. Wir machen einen schönen Lammbraten mit Kräuterkruste. Wir denken zu viel ans Essen.
Noch zwei Interessante Ereignisse aus der bengalischen Geschichte. Die größte Hungersnot der Welt, bei der 1/3 der Bevölkerung verhungert sind hat hier im 18. jahrhundert stattgefunden und 1943 sind nochmals 3 Millionen Menschen verhungert. Aber jetzt hat auch West Bengalen eine moderne Landwirtschaft und kann sogar Essen exportieren, obwohl auf 1/3 der deutschen Fläche genauso viele Menschen wohnen. Ganz schön fruchtbar hier.
Es ist schon wieder ein heftiges Gewitter im Anmarsch. Blitzen tut es schon seit wir um sechs losgefahren sind, aber jetzt ist es da und es gießt schon wieder. Wehe das Wasser fließt vom Flur wieder in mein Zimmer. Ein schönes Wochenende wünsche ich euch allen.

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