15.08.2008 - Was bisher geschah
So hier mal ein kleines Update. Nachdem ich also erst um 08:00 Uhr in Delhi gelandet bin (mein Anschlussflug ging um 06:55) wendete ich mich vertrauensvoll an die ausgesprochen netten Air India Mitarbeiter. Wie in Indien wohl üblich dauerte die Bearbeitung meines Anliegens etwas länger.
Kleiner Einschub: Air India hat wunderhübsche Stewardessen, aber die 747 ist glaube ich schon in der Zeit des Kalten Krieges geflogen. Der Flug (warum auch immer aus LA kommend) war zum Glück nicht ausgebucht, und so hatte ich eine 3er Reihe für mich alleine. Da konnte ich mich breitmachen wie ich wollte. Schlaf hatte ich dank eines periodisch jede Stunde plärrenden Kindes trotzdem kaum. Dafür war Vollmond und ich konnte ein paar Pötte auf dem Schwarzen Meer und die Afghanische Wüste im Schummerlicht betrachten.
Nun aber wieder zu meinem eigentlichen Anliegen. Die wie gesagt höchst freundlichen Air India Mitarbeiter haben mir nicht nur meinen Kingfisher Flug umgebucht, sondern mich für den Tag in einem 5-Sterne Hotel untergebracht. Also wurden ich und ein Mexikaner, der mein Schicksal teilte in ein Taxi gesetzt und zum Hotel gefahren. Dort hab ich erst mal geduscht, Schlaf nachgeholt und mir ein schönes Mittagessen auf Kosten der Air India gegönnt. Um 4 ging es dann endlich wieder an den Flughafen und um 18:15 ist meine Maschine doch tatsächlich mit mir pünktlich abgehoben.
In Kolkata angekommen wurde ich sogleich von zwei AIESECern begrüßt. Die Namen habe ich selbstverständlich schon wieder vergessen, jedoch nicht die Fahrt zum Traineehouse.
Mit 100 km/h Busse und Rikschafahrer schneiden kann man mal machen. Es gibt hier nur eine Regel. An einer roten Ampel muss man anhalten. Ansonsten fährt hier jeder wie er will und wie er am schnellsten zum Ziel kommt. Ich hab das Ganze mal auf Video dokumentiert.
So und nun sitze ich hier im Traineehouse mit Chika oder so aus Tokio die hier gerade ein AIESEC internes Praktikum macht. Eben kam auch noch der Rest der Praktikanten (aus China, Taiwan, Marokko, Griechenland und der Türkei) rein. Die waren noch auf der Straße etwas essen, sind aber nach einer kleinen Begrüßungsrunde ins Bett verschwunden.
Meine beiden Chauffeure sind auch gleich wieder los, weil ja heute indischer Independence Day ist und das muss schließlich gefeiert werden.
Ich werde mich auch gleich mal ins Bett begeben. Mal gucken ob ich bei den 100% Luftfeuchte und 30 Grad schlafen kann.
Morgen kommt Varun und ich ziehe wieder um, da ich irgendwo draußen arbeite und der Weg aus der Stadt doch etwas lang wäre. Außerdem brauche ich unbedingt ein Handy. Hier wird gar nicht anders kommuniziert. Jeder ist den ganzen tag am telefonieren und Simsen. Genau das Richtige für mich J
Jetzt noch eine wenig Fotos angucken mit dem Marokkaner, der ist nämlich schon im Himalaya rumgereist und dann ins Bettchen. Wie aus es auch sieht. Jede Studentenbude in Kiel sieht besser aus. Demnächst stell ich mal Bilder online. Wenn ich endlich wieder Internet habe.
16.08.2008 - Angekommen
Hey ihr da draußen. Nun bin ich endlich an meiner Praktikumsstelle angekommen. Aber was war das für eine Reise???
Zuerst muss ich sagen, dass ich trotz der 30 Grad herrlich geschlafen habe und um halb elf, nach zehn Stunden Schlaf, geweckt werden musste. Zum Frühstück gab es frische Mango und Äpfel, die mir Chika ans Bett gebracht hat. Warum wachsen die Mangos nicht in Deutschland? Am Baum gereift schmecken die noch zehnmal besser. Inzwischen war auch die letzte Praktikantin, Annie aus Großbritannien, aufgetaucht. Sie war wohl bis 2 Uhr feiern.
Um elf sollte jemand von AIESEC Kolkata kommen und mich abholen. Da die Inder es ja nicht so mit der Pünktlichkeit haben, ist die junge Dame, deren Namen ich auch gleich wieder vergessen hab (immer diese Namen), dann kurz vor 12 aufgetaucht. Wir mussten zur nächsten Metro Station zu Fuß gehen. Chika und Lohlov, der Marokkaner, haben uns begleitet. Denen war langweilig.
Kolkata am Tag ist nicht schön. In der Nacht war es das auch schon nicht, aber am Tag sieht man alles doch etwas genauer. Jedes Auto qualmt wie ein Trabbi, die Busse sind noch schlimmer. Es sind lauter Menschen auf der Straße, die alle irgendwie irgendwo hingehen und sich durch den Verkehr quälen. Es ist heiß, stickig, es stinkt. An den Straßenrändern verkaufen die Leute irgendwelche Sachen, hocken Bettler. Dahinter stehen die Wellblechhütten der Armen. Kolkata ist wahrlich keine Touristenstadt. Es ist Indien.
In der Metro war die Lage dann etwas entspannter. Ich hatte schon Tokioer Verhältnisse erwartet, jedoch ist die U-Bahn wohl für die meisten Leute zu teuer. Ein Ticket hat 18 Rupien gekostet, also umgerechnet (Wechselkurs: 1€ = 64 Rupien) knapp 30 Cent. Schön ist, dass es in jedem Verkehrmittel hier Ventilatoren gibt. Die machen das Ganze doch angenehmer.
An der Mahatma Gandhi Straße sind wir dann aus- und in ein Taxi umgestiegen, welches uns zu irgendeinem Bahnhof gebracht hat. Dort erwartete uns dann auch schon ein Herr von meinem neuen Arbeitgeber. Der Zug sollte aber erst um 14 Uhr fahren, so dass noch genug Zeit für ein Mittagessen blieb. Wir gingen im Bahnhof in ein Restaurant und ich bestellte mir ein vegetarisches Gericht mit allerlei Bohnen und Linsen und Reis und einem „Brot“. Hab das ganze mal fotografiert. Gekostet hat der Spaß 70 Rupien und ich konnte nicht aufessen. Lecker war es allemal, nur Lohlov meinte irgendwann hängt es einem zum Hals raus. Er hat auf seiner Reise nur so etwas gegessen, 3 Mal am Tag. Hoffentlich geht es mir nicht auch so.
Aber weiter im Text. Ich wusste ja, dass meine Praktikumsstelle nicht in der Stadt liegt, aber dass sie sooooo weit weg ist. Wir sind 2 ½ Stunden gefahren, für ganze 60 Kilometer. Natürlich kann man das Reisetempo nicht mit dem in Deutschland vergleichen. Ständig haben wir gehalten, manchmal ohne Grund, meistens jedoch weil wir irgendein Dorf erreicht hatten. Zuerst einmal war es in diesem Zug stickig ohne Ende. Zwar gibt es Fenster und die Türen stehen ständig auf, jedoch sind so viele Leute in dem Zug, dass kein Lüftchen in der Mitte ankommt. Ich hatte wohl Ausländerbonus und durfte mich nach 3 Stationen, jedoch schon voll am Schwitzen, ans Fenster setzen. Der Fahrtwind war schon erleichternd. Bei denen, die jedoch im Gang stehen mussten lief der Schweiß ohne Ende. Bemerkenswert in Indien ist, dass sich alle Menschen sofort zusammendrängen, damit bei der nächsten Station gleich wieder die nächsten 50 Passagiere in den Wagen können. Außerdem stehen die Leute alle 20 Minuten von ihrem Platz auf und haben den vor ihnen stehenden sitzen lassen. Ich hab aber schamlos meinen Ausländerbonus ausgereizt und bin sitzen geblieben. Aufzustehen hieße ja keinen Fahrtwind mehr zu haben.
Drei Stationen bevor wie ausgestiegen sind, kam es dann auch tatsächlich dazu, dass mehr Menschen aus- als eingestiegen sind. Die Station wo wir raus mussten heißt Lakshmikamtpur. Gibt es wenigstens den Ort auf irgendeiner Karte? Er liegt südlich von Kolkata. Die Bahnfahrt hat übrigens 13 Rupien, also 20 Cent gekostet. Und Autofahren hätte doppelt so lange gedauert oder wäre schon fast unmöglich, da die Straßen nicht die besten sind, während des Monsuns erst recht nicht.
In Lakshmitüdelüt angekommen holte mich ein anderer Mitarbeiter vom Bahnhof mit dem Jeep ab. Mit dem üblichen Hupkonzert ging es durch das Dorf, immer weiter ins Land. An jedem dritten Haus sind Hammer und Sichel angesprüht. Bin ich hier im kommunistischen Teil Indiens angekommen? Endlich, um fünf, waren wir dann angekommen.
Nun sitze ich hier in meinem Zimmer und musste das alles erst mal aufschreiben. Sehr zuvorkommende Menschen sind das auf jeden Fall hier. Ich habe süßen Tee mit Milch und salzigen? Keksen bekommen und eben hab ich dann Tee mit Zitrone probiert. Da haben sie Salz reingetan. Ich glaube ich trinke keinen Tee mehr. Dafür war die Beilage, bestehend aus irgendwelchen süßen Kugeln einer komischen Konsistenz, dieses Mal sehr lecker.
Nach einer Dusche bin ich dann zum Chef gegangen. Ein wenig Smalltalk vom Schlage „Wo kommst du her?“, „Wie war der Flug?“ und „I know Hitler“ und dann die erfreuliche Nachricht, dass ich erstens morgen nicht arbeiten muss (Wie überraschend am Sonntag) und zweitens nächste Woche eine spanische Praktikantin kommt. Dann bin ich nicht ganz so alleine hier unter den Indern. Aber bevor ich urteile sollte ich mir erst mal ein Bild morgen machen und am Montag gucken wie es auf der Arbeit ist.
Auf jeden Fall ist die Umgebung sehr schön und idyllisch, soweit ich das bis jetzt gesehen habe. Im Moment steht vor meinem Fenster der Vollmond und bescheint die weitläufigen Reisfelder. Der Ort heißt Ullon und liegt schon fast in den Sunderbarans, dem weitlüfigen Delta des Ganges. Hier gibt es die bengalischen Tiger und jede Menge Schlangen. Ich hoffe, ich begegne beiden nicht.
Zum Schluss noch zwei Bemerkungen: obwohl Monsunzeit ist, hat es noch nicht einmal geregnet und vom Durchfall bin ich Gott sei Dank bis jetzt auch noch verschont geblieben. Also toi toi toi.
Viele Grüße vom indischen Land, besonders an meine Familie. Bald habe ich ein Handy, dann können wir telefonieren und ich muss nicht alles so ausführlich aufschreiben
17.08.2008 - Ein entspannter Tag
Gestern Abend kam meine Betreuerin (Ich bekomme hier noch einen Anfall wegen der Namen) noch ins mein Zimmer und hat mir eine Präsentation über die Organisation gezeigt. Es war sehr interessant und aufschlussreich. Selbst Muhammed Yunus, Nobelpreisträger für seine Grameen Bank, die in Bangladesh auch Mikrofinanzdienstleistung betreibt, war hier und meinte man könne von VSSU noch lernen. Weiterhin habe ich auf einem USB Stick lauter Berichte und sonstiges bekommen.
Und dann kam das Beste: Die Rahmenbedingungen meines Praktikums. Meine Aufgaben in den 2 Monaten werden sein:
50 Case Studies durchzuführen und mit Fotos zu belegen.
Die neue Website vssu.in ins deutsche (kein Problem) und ins französische (großes Problem) zu übersetzen. Was liest die auch in meinem Lebenslauf, dass ich 7 Jahre Französisch hatte. Ich kann da doch nichts mehr. Naja das Internet wird mir schon helfen
Vor- und Nachteile der Mikrofinanzprodukte herausfinden und eventuell neue kreieren.
An die einzelnen Teile der Organisation (Mikrofinanzen, Soziale Projekte, die neue Bücherei) bericht erstatten und Verbesserungsvorschläge machen.
Fundraising, also Unterstützung suchen, im Ausland, insbesondere in Deutschland.
So das sind meine Aufgaben. Recht anspruchsvoll für 9 Wochen, aber zu schaffen und vor allem abwechslungsreich, interessant und vor allem auch sinnvoll.
Der zweite Teil war aber etwas irritierender. Regeln die ich als Praktikant hier zu befolgen habe. Um das noch etwas zu erklären, das V in VSSU steht für Vivekananda. Das war ein indischer Mönche Anfang des 20. Jahrhunderts, der anderen Menschen geholfen hat und natürlich total selbstlos und asketisch gelebt hat. Und auf seine Lehre begründen sich auch die folgenden Regeln:
Während der Nacht wegbleiben ist nicht erlaubt, kann jedoch wenn nötig gewährt werden. (Ich werde mal anfragen, wann die nächste AIESEC Konferenz in Kolkata ist. Da bin ich dann natürlich unabkömmlich)
Spätestens um 21 Uhr wieder im Haus sein. (Da ich auf dem Dorf wohne und es eh um 19 Uhr dunkel ist, ist mir das relativ schnuppe)
Freunde dürfen nur mit Ausnahmegenehmigung hier übernachten (Wer fährt denn schon freiwillig hier her???)
Jeden Montag Bericht bei der Sekretärin erstatten (Bekomm ich hin)
Zum Frühstück um acht, Mittag um eins und Abendbrot um acht da sein (Heißt jeden Tag, auch heute, um halb acht aufstehen)
Irgendwas mit ’nem prayer, den ich um kurz vor 9 jeden Tag treffen soll (Hab hier noch niemanden beten sehen, also betrifft es mich wohl auch nicht)
Internet zur freien Verfügung montags, mittwochs, freitags von halb acht bis halb neun abends (Hallo, Hallo??? Ich bin ja mit allem einverstanden, aber damit nicht. Da besteht Gesprächsbedarf. Aber da ich ja für meine Arbeit eh Internet brauche, werde ich wohl so oder so etwas mehr Zeit haben)
Tja kein leichtes Leben hier in Indien.
Der Tag heute verlief schön entspannt. Ich bin viel zu früh aufgestanden und hab gefrühstückt. Jedoch ist das nicht so ein gewohntes Frühstück. Es gab Kartoffeln mit Zwiebeln und so einer Soße, dazu dieses Fladenbrot und Obst. Da mir schon reichlichst Kartoffeln aufgetan wurden, musste ich die wohl oder übel essen. Sehr lecker so kurz nach dem aufstehen. Hab ein paar Kartoffeln gegessen und dann eine Banane in das Brot geschnitten. Danach mit ich mit dem Chef und einem Sprachtherapeuten, Nejunda oder so, und seinem Schüler zur neuen Bibliothek gefahren, um die Arbeiten zu besichtigen. Am Sonntag wird hier nämlich auch gebaut, weil die Leute nur dann Lohn und Essen bekommen, wenn sie arbeiten. Wir sind dann wieder zurückgefahren um kurz darauf wieder zur Bibliothek zu fahren, dieses Mal jedoch ohne Chef. Der Sprachlehrer hat mit einer Mitarbeiterin 2 Stunden geplaudert und ich habe die Indian Times und noch eine Zeitung gelesen. Außerdem habe ich mich mit einem Elektriker unterhalten. Er meinte auf die Antwort, ich wohne in der Nähe von Hamburg „Oh Hamburg, Nordsee, Nordsee I know“. Na gut, unerhalten war übertrieben, dafür konnte er zu wenig Englisch. Aber ein wenig Smalltalk haben wir doch betrieben. Zurück sind wir dann eine halbe Stunde zu Fuß gegangen. Man sieht doch mehr von der Gegend und Nejunda hat sehr viel erzählt. Im Bundesstaat West Bengal, in dem ich mich befinde, ist übrigens tatsächlich die Kommunistische Partei Indiens an der Macht. Deswegen überall Hammer und Sichel.
Zum Mittagessen war eine Delegation aus Bangladesh zu Besuch, die sich über das Mikrofinanzsystem informiert hat.
Den Nachmittag habe ich schließlich mit lesen verbracht. Zuerst die ganzen Materialien über VSSU und dann ein Buch. Eben gab es Abendbrot und nun schreibe ich mal wieder und werde mir dann einen Film angucken. Gut, dass ich welche auf meinem Laptop habe. Fernsehen gibt es hier nämlich auch nicht. Und morgen dann werde ich mich auf die Mission begeben mir irgendwo ein Handy zu besorgen. Dann kann mich endlich, endlich jeder anrufen und mit mir erzählen.
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