So ab jetzt schreibe ich immer rein, was ich gerade höre. Und hier die Berichte:
26.08.2008 – Endgültig erlegen
Ja ich bin ihm erlegen, dem Zauber dieses Landes. Heute waren wir die erste Zweigstelle besuchen um Fallstudien durchzuführen. Es war wunderbar indisch und wunderbar aufregend. Aber der Reihe nach. Es sollte ja eigentlich um 7 losgehen. Abends gab es aber noch eine Planänderung also neue Startzeit 8 Uhr. In Indien ist 8 aber nicht gleich 8, so dass wir 20 vor 9 mit der Rikscha nach Lakshmikantapur gefahren sind und von dort mit dem Zug weiter. Es ging in das Dorf Kakdwip. Die Zugfahrt dauerte eine oder anderthalb Stunden, Zeit ist hier ja irrelevant. Der Zug war auch nicht sehr voll, fast alle hatten Sitzplätze. Aber diese Züge sind schon erstaunlich. Man kann sein ganzes Leben in ihnen verbringen, denn es wird alle verkauft: verschiedene Speisen, Getränke, Snacks, Süßigkeiten, Zahnpasta, Haarspangen, Spielzeug und noch so einiges mehr.
In Kakdwip stiegen wir aus und auf die nächste Rikscha, die uns zur Niederlassung brachte. Der nette Manager hat uns erst mal einen Tee machen lassen und dann haben wir die neuesten Berichte begutachtet. Die haben mindestens eine Tonne Papier da herumfliegen. So viele Ordner und so viel eingetragen. Als wir die Kreditgeschichte einer Frau wissen wollten, haben sie doch tatsächlich eine halbe Stunde suchen müssen um zwei Ordner zu finden. Und wo die überall gesucht haben. Ein Computer würde ja einiges erleichtern, aber man muss die fünf Leute ja auch beschäftigen
Danach ging es zu einem so genannten Centre. Das ist ein Zusammenschluss von mindestens fünf Gruppen, die aus je mindestens fünf Frauen bestehen. Wir begaben uns in eine Lehmhütte und sahen uns 20 von ihnen gegenüber. Wir haben sie dann gebeten ein wenig zu erzählen, wie es ihnen mit dem Kredit geht und wie es ihnen vorher ging, wie viele Kinder sie haben, was sie arbeiten etc. Es war eine sehr lustige Runde. Ich habe Fragen gestellt, Anustee hat sie übersetzt und Tina gefilmt. Nachdem die Frauen gefragt hatten, ob wir ein Pärchen seien und sich alle köstlich darüber amüsierten, war das Eis auch gebrochen. Ich habe ein paar schöne Fotos gemacht. Aber mit dem hochladen ist das hier so eine Sache. Ich versuche es morgen mal. Toll ist, dass diese Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kamera oder Videokamera sehen. Tina musste zurückspulen und das Video vorführen. Es war so lustig, weil es für die Leute so neu war und sie alle über sich selber lachen mussten.
Danach sind wir weiter zu einer Frau aus dem Zentrum und haben sie speziell befragt, was sie mit dem Kredit macht und wie er ihr weitergeholfen hat. Da wir an der Küste waren (glaube ich, es war auf jeden Fall Wasser da) leben die meisten vom Fischfang. Die Frauen verdienen ihr Geld durch das herstellen von Netzten, welche sie dann an die Fischer verkaufen. Ein Netz dauert einen Monat und pro Elle bekommen sie fünf Rupien. Diese Frau konnte durch die Kredite zum Beispiel Mehr Netze herstellen, ein Fischerboot mit ihrem Mann kaufen und etwas sparen, womit sie jetzt ein Haus aus Stein bauen. Wir wurden noch zum Tee eingeladen, was aber ewig dauerte. In der Zwischenzeit haben wir Fotos und Videos gemacht und den Leuten dann gezeigt. Ich habe ein wunderschönes vom Mann der Frau mit seinem Hund. Er hat sich riesig gefreut, dass er mit seinem Hund auf einem Foto verewigt ist, sei es auch auf der Kamera eines deutschen Praktikanten. Nachdem wir endlich Tee bekommen hatten verabschiedeten wir uns, da es schon Mittagszeit war. Wir fuhren zurück in die Zweigstelle und bekamen, na was wohl, Reis, Fisch, Kartoffeln aber auch ein paar Tomaten- und Gurkenscheiben. Gesättigt traten wir den Weg zum nächsten Klienten an. Er ist Inhaber mehrerer Läden, die Tee und Süßigkeiten verkaufen. Angefangen hat er mit einer Teestube mit einem Tisch und zwei Stühlen. Nun besitzt er drei Geschäfte und macht jeden Monat mächtig Gewinn. Und das nur, weil er mit den Krediten sein Geschäft immer weiter vergrößern konnte. Hier ist das verrückt. Du machst einen Laden auf und mit einem zweiten kannst du auch doppelt so viel verdienen weil einfach eine riesige Nachfrage da ist.
Da wir ihn mitten auf dem Markt besuchten, kamen wir natürlich an vielen Leuten vorbei. Es ist schon belustigend, dass einen alle anstarren, besonders die Kinder. Manche sind ganz verwegen, rufen einem ein „Hello“ zu und freuen sich wie die Schneekönige, wenn man antwortet. Sowieso ist immer da, wo wir für einige Zeit verweilen, ein Menschenauflauf, weil alle die weißhäutigen Fremden angucken wollen. Auf der Straße sind uns dann drei Männer, Hand in Hand gehen entgegen gekommen. Ich musste schon etwas grinsen aber dachte mir dann, dass es ja in Indien etwas Normales und ein Zeichen der Freundschaft ist. Nachdem wir den Mann verlassen hatten, sind wir zuerst mit dem Bus wieder zurück gefahren. Die Sitze waren recht bequem, was man von der Straße nicht behaupten kann. Dafür, dass sie eine Hauptverkehrsstraße darstellen soll, ist sie in einem extrem schlechten Zustand. Schlagloch reiht sich an Schlagloch und zwei Busse passen nicht auf der Straße aneinander vorbei sondern müssen auf den Rand ausweichen. Aber wir hatten einen Fensterplatz und haben viel gesehen. In irgendeinem Dorf sind wir umgestiegen, da wir weiter nach Lakshmikantapur wollten. Also das erstbeste Gefährt, eine Motorikscha bestiegen und ab ging die Post. Wirklich erstaunlich, dass in so ein Gefährt, in Deutschland wäre es für vier Leute zugelassen, in Indien neun reinpassen. Etwas unbequem aber was soll man machen. Vorne saßen vier Leute, einer hatte den Fahrer auf dem Schoß und hinten wir drei mit einer Mutter und ihrem Kind. Ich glaube mit unserem VW-Bus würden die hier locker 20 Leute mit Gepäck befördern.
In Lakshmikantapur angekommen, haben wir die nächsten Süßigkeiten gekauft, die wir noch nicht probiert haben (Wir können noch zwei Mal hingehen und haben noch nicht alles durch) Dann auf die Rikscha und ab nach Hause. Die ganze Reise hat übrigens etwa vier Euro für drei Personen gekostet. Um sieben waren wir wieder hier angekommen und haben erst mal geduscht, da heute etwa 33 Grad bei 90% Luftfeuchte mit Sonnenschein waren. Dann gab es Abendbrot. Tina ist auch langsam am verzweifeln. Sie hat mich gefragt, ob ich meine, dass es das Essen jetzt die nächsten acht Wochen geben wird. Jetzt haben wir eine Verabredung mit den Süßigkeiten auf dem Dach. Ich könnte noch so viel erzählen… Ich hoffe ich kann demnächst die Bilder sprechen lassen. Also mach’s gut, Knut.
27.08.2008 – Ameisenalarm
Nicht bei mir, sondern bei Tina. Bei mir sind natürlich auch welche, aber die haben ihre Hauptverkehrsroute nicht über mein Bett gelegt. Meine krabbeln nur bis zum Mülleimer in dem das Papier von den gestrigen Süßigkeiten (wieder 3000 Kalorien mehr) liegt. Hab ihn an einen strategisch günstigen Punkt weit weg meines Bettes gestellt. Deswegen hab ich keine Probleme.
Ansonsten haben wir heute den schlimmsten Stromtag bis jetzt. Er ist bestimmt schon zehn Mal ausgefallen und der Generator läuft eigentlich ununterbrochen. Ich habe irgendwo gelesen, West Bengalen erzeuge so viel Strom, dass sie den ins übrige Indien exportieren können. Vielleicht sollten die weniger exportieren und hier erst mal ein vernünftiges Netz aufbauen.
Auf der Arbeit haben wir heute die Case Studies erstellt. Das heißt Tina hat eine gemacht, ich die andere. Dann haben wir getauscht und ich habe bei Tina ergänzt und sie ein paar sachen bei mir umformuliert und ergänzt. Dann haben wir wieder getauscht und umgestellt. Sind jetzt bei Version 3 angekommen und ich denke, die kann jetzt noch übersetzt werden und dann sind unsere ersten zwei fertig. Weiterhin haben wir uns näher mit der wirtschaftlichen und politischen Situation hier auseinandergesetzt und unseren Fragebogen für die Case Studies überarbeitet. Wir wollen jetzt eine kleine repräsentative Studie daraus machen, die auch noch von nachfolgenden Praktikanten weitergeführt werden soll. Dann haben wir das alles noch einmal von Aparna, der älteren Dame, die schon so viel gereist ist, checken lassen. Die kennt nämlich die Tricks und anstatt der Frage „Können sie sich gute Kleidung leisten?“ steht da jetzt die Frage „Können sie sich eine neue Sari für das Durga Puja (Großes wichtiges hinduistisches Fest in Indien) kaufen?“ Die Inder können nämlich mit vielen abstrakten Fragen nichts anfangen und brauchen konkrete Bezüge zu ihrem Leben.
Ansonsten ein ereignisarmer Tag. Nachher kommt noch Maria an. Sie hat um zwei angerufen, sie möchte um fünf in Kolkata vom Flughafen abgeholt werden. Sie scheint sich nicht so mit Indien auszukennen, sonst würde sie wissen, dass die 60 Kilometer von Ullon nach Kolkata Flughafen mindestens 3 ½ Stunden sind. Der Flug von Delhi nach Kolkata dauert nur gut 2 Stunden für 1500 Kilometer. So ist das hier in Indien.
Oh und zum Abendbrot gab es etwas Neues. Wir wissen nicht was, aber ich tippe auf Hühnerleber. Egal was es war, es war Abwechslung und es hat geschmeckt. Tina und ich haben heute eine Liste mit Sachen gemacht, die wir essen wollen, wenn wir nach Hause kommen. Nummer eins bei mir: Gemüsesuppe mit viel Rindfleisch und Mettklößchen. Bitte für den 02.11. notieren, Mama! Ihre Nummer eins: Steak mit Kürbis, Kartoffeln und noch etwas komischen. Australier eben. Ich hoffe ich habe mit Maria wenigstens einen Menschen, der vernünftige Vorstellungen von Essen hat.
So eigentlich war das schon alles. Reicht ja auch nach dem ausführlichen Bericht gestern (Mir ist noch so viel eingefallen) Tschösen
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