19.08.2008 – Ich muss durch den Monsun
Tja liebe Leute nun ist er da, der Monsun. Er beginnt eine Stunde nach dem aufstehen und hört abends irgendwann auf. Wenigstens ist es nicht so warm, obwohl mich das ja eh nicht stört. Stören tun nur meine vielfältigen Mitbewohner. Kamikazekäfer, die sich auf meinen Kopf stürzen, Echsen in meinem Zimmer die um 4 Uhr morgens mit ihren Balzlauten beginnen, die blöden Moskitos, sämtliche Insekten die meinen auf meinem Bett rumlaufen oder landen zu müssen und zu guter letzt die netten Bakterien denen ich eine kleine Magenverstimmung zu verdanken hab. Aber ich bin ja nicht hergekommen um mich über die Tiere zu ärgern. So lange keine hochgiftige Schlange hier rumkriecht sind mir die relativ egal. Heute war ich auf dem Dach und hab ein paar Glühwürmchen gesehen. Hoffentlich kommen noch mehr, es sieht schon faszinierend aus wenn diese leuchtenden Dinger in der Nacht rumschwirren.
Auf der Arbeit habe ich heute angefangen die Website ins Deutsche zu übersetzen. Auch wenn es nicht die Anspruchvollste Aufgabe ist, so lerne ich doch wenigstens etwas. Zum Beispiel, dass hier Menschen mit 50 Cent am Tag leben müssen. Hab auch mit den beiden Frauen gesprochen, die bei mir sitzen. Sehr nett und sie können sogar verständliches Englisch sprechen. Außer das Wort suggestion, was sich hier anhört wie seggistion. Wie soll ich das denn verstehen und nicht blöde gucken wie ne Kuh wenn’s donnert.
Die eine Frau war sogar schon mal in Deutschland. Sie hat an irgendeinem Workshop der Organisation Health India in Bayern teilgenommen. Wir haben uns dann erst mal über ihre Erfahrungen in Deutschland unterhalten.
Morgen mach ich eine Liste mit Namen. Ist ja schrecklich hier. Ich kenn keine Namen.
Die andere Frau meint, dass Mikrofinanzprojekte die Armut nicht beseitigen. Macht Sinn in einer Organisation zu arbeiten, von deren Zweck man nicht überzeugt ist. Aber das ist ja bei manchen Uni-Professoren auch so… Außerdem arbeiten die hier soooo lange. Um neun, nach dem Gebet wird angefangen und abends um 9 aufgehört. Verrückte Leute aber hier gibt es wohl auch viel zu tun. Ständig kommen Leute rein.
Gestern war Reisausgabe, das hatte ich ganz vergessen zu berichten. Ein Mal im Monat wird an die Ärmsten Reis ausgegeben. Da humpeln dann abgemagerte, alte Leute in die Organisation, bekommen ein paar Kilo Reis und dann humpeln sie durch den Monsun wieder Kilometerlang nach Hause. Aber sie haben wenigstens etwas zu essen. Trotzdem es ist schon ein armes Land. Ich habe heute Fallstudien gelesen über Leute denen durch die Mikrokredite geholfen werden kann. Sie sind überglücklich, wenn sie 3000 Rupien im Monat haben, das sind über den Daumen gerechnet knapp 50€, für eine 3-köpfige Familie. Was haben dann die anderen? Wie können vier der reichsten Menschen der Welt aus diesem Land kommen in dem gleichzeitig so viel Armut herrscht? Ich habe auch noch gelesen, dass die Inflationsrate letzten Monat bei 11% gelegen hat, was hauptsächlich durch die Steigerung der Nahrungsmittelpreise und Öl verursacht wurde. Und wenn ich mir dann manchen abgemagerten Rikschazieher angucke, der hier hereinkommt und wahrscheinlich so schon kaum über die Runden kommt. Man kann schon froh sein Westeuropäer zu sein. Mal gucken, was ich sehe, wenn ich erst mal in die entfernten Dörfer reise. Ich muss wirklich sagen reisen, denn zu denen tief in den Sunderabans bin ich wohl alleine schon einen Tag unterwegs per Bahn, Bus, Motorrad oder zu Fuß. Ich hoffe meine Arbeit hier trägt auch ein wenig dazu bei, das Elend zu lindern.
20.08.2008 - Strom?
Indien ist einfach überfordert. Es ist der 8. Stromausfall heute. Und dabei ist es erst 20 Uhr. Alle Leute schalten jetzt erst Strom ein. Natürlich nur die, die auch welchen haben. Ob es in Kolkata auch so viele Stromausfälle gibt? Ich möchte auf keinen Fall in Indien im Kraftwerk oder bei der Stromleitzentrale arbeiten. Ich schätze 20% der Kraftwerke drohen ständig in die Luft zu fliegen und ein nationaler Blackout ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber was sollen sie machen, die Inder wenn es plötzlich durch den gestiegenen Wohlstand 100 Millionen Leuten mehr nach Energie verlangt. Ansonsten war der Tag mal wieder sehr entspannt. Ich habe am Vormittag ein wenig mit Bonandi (jaaaa ich weiß den Namen!!!) im Reiseführer geblättert. Sie hat mir gesagt ich bräuchte eigentlich mindestens 2 Monate und nicht nur 2 Wochen um alles zu sehen. Aber ich bin ja noch jung und mein Visum läuft noch bis Februar. Oh Stromausfall Nummer 9. Sie sollten den Generator einfach durchlaufen lassen.
Zurück zum Thema. Ab Mittag habe ich dann weiter an der Website gesessen und übersetzt. Damit werde ich mich auch morgen Vormittag noch aufhalten. Bloß nichts überstürzen hier. Ab nächster Woche mache ich dann die Case Studies, zusammen mit der Spanierin und vielleicht auch einer Australierin die übermorgen kommt. Ich bin begeistert wie kurzfristig das hier geht. Wenn ich sie richtig verstanden habe, dann hat die besagte Australierin (AIESECerin) vor einiger Zeit hier wegen eines Praktikums angefragt, aber VSSU hat es verplant zu antworten. AIESEC Kolkata hat noch mal angefragt und heute wurde das Praktikum dann genehmigt und übermorgen kommt sie schon. Und warum muss ich 1000 Formulare ausfüllen? Na egal mir ist es nur Recht, wenn ich zwischen all den Bengali sprechenden Indern auch mal jemand anderes habe, mit dem ich vielleicht auch etwas unternehmen kann und sei es eine Runde Karten zu spielen. Die Inder, die englisch sprechen können sitzen nämlich mal wieder alle hier und arbeiten noch. Aber sie tun es ja gerne und so wie ich das sehe haben die auch nichts anderes vor den ganzen Abend. Fast wie AIESECer die bis spät in die Nacht im Büro sitzen. Obwohl da doch eher das Bier die Motivation zum bleiben gibt, nicht wahr (Alkohol-) Henning :-P
So jetzt sitze ich hier noch alleine und warte, dass jemand kommt und mir auf einem der zehn Computer mal Internet machen kann. Die können echt wenig bis gar nichts. Es wäre ja schon damit getan, dass irgendwer mal dieses vermaledeite Passwort weiß mit dem man in Windows auf Bonandis Rechner reinkommt. Ich muss das irgendwie auf meinem Laptop zum Laufen bringen. Juhuuu sie ist das. Dann kann der Bericht ja auch gleich rein.
Und hier noch etwas, was mir heute beim Mittagessen eingefallen ist:
Zwei Inder im Gespräch:
Inder 1: Hey hast du schon mal was von Abwechslung beim Essen gehört?
Inder 2: Nein.
Inder 1: Ich auch nicht. Bei mir gibt es jeden Tag zum Mittag Reis, Dhaal, scharfe gebratene Kartoffelstifte, Kartoffelviertel mit Fisch, in dem noch 1000 Gräten sind und Kartoffelstücke mit undefinierbarem Gemüse.
Inder 2: Hey toll bei mir ist das genauso. Und was isst du zum Abendbrot?
Inder 1: Doofe Frage. Natürlich genau das Gleiche.
Inder 2: Ich auch. Und wir trinken nur Wasser oder Tee.
Inder 1: Wie lustig, wir auch. Ich mag am liebsten süßen Tee mit Milch und salzigen Keksen. Und du?
Inder 2: Mir schmeckt der salzige Tee mit Milch und diesen süßen Dingern besser. Wie kommst du eigentlich darauf, dass man beim Essen Abwechslung braucht?
Inder 1: Ach, ich hab gehört das machen die in Europa so. Die Kochen da fast jeden Tag etwas anderes. Und fast überall ist Fleisch drin.
Inder 2: Jaja, die sind schon komisch, die Europäer…
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