Samstag, 11. Oktober 2008

The Kinks - Village Green

05.10. bis 10.10.2008 – Der große Durga Puja Bericht

So endlich gibt es wieder einen neuen Blog. Die letzten Tage war hier Ausnahmezustand, da Durga Puja gefeiert wurde, das größte Fest in West Bengalen geweiht der Göttin Durga. Außerdem war ich drei Tage in Kolkata. Aber der Reihe nach.

Sonntag: Am Sonntag waren wir mit Anustee bei Mr. Mondal zum Mittagessen eingeladen. Er war zwar in Kolkata aber sine Frau und Arpan waren ja noch da. Für uns wurde alles aufgetischt, sogar Lammfleisch gab es. Die anderen haben davon aber nichts gegessen, da am Sonntag vor der Puja traditionell gefastet wird. Danach haben wir mal wieder durchs Fernsehprogramm gezappt. Anhand der Werbung kann man doch sehen, wie weit Indien schon international verzweigt ist. VW macht Werbung für den Jetta, Colgate, Head & Shoulders und die Allianz sind auch vertreten. Sogar Cilit Bang wird beworben. Das Beste war aber ein Hautaufheller. Inder können gar nicht verstehen warum Europäer so gerne braune Haut haben. Für sie ist weiße Haut am erstrebenswertesten. Der Mensch will immer das, was er nicht haben kann.
Den ganzen Tag spielte schon Musik, auch nachts um eins noch. Und am Montagmorgen wurde ich um fünf schon wieder von lauter Musik geweckt. Aber zum Glück kann man die Fenster ja schließen.

Montag: Den Tag über habe ich dann ein sehr interessantes Dokument über Einkommensprogramme in der dritten Welt gelesen und mir Gedanken darüber gemacht, wie man das auf die Region hier anwenden kann, da VSSU solch ein Programm plant.
Abends sind wir mit Mr. Mondal die Durga Puja Tempel angucken gefahren. In jedem noch so kleinen Dorf ist ein Tempel aus Bambus und Stoff aufgebaut und drinnen stehen zwar immer die gleichen Figuren der Gottheiten, jedoch gleicht keiner dem anderen. Am besten schaut ihr euch die Fotos an, dann seht ihr es selber. Mr. Mondal ist dann mit uns zu einem Freund, der Kleidung verkauft und hat uns beiden ein original indisches Outfit geschenkt, das wir in Kolkata tragen sollten. Da ich abends nicht schlafen konnte war ich bis drei unten im Büro. Tina hatte bis halb zwei noch ihre Steuererklärung gemacht und dann war ich im Internet. Mr. Mondal war auch noch in seinem Büro und hat mit seinem Freund geplaudert. Als er ihn um halb drei dann nach Hause fuhr wünschte ich den beiden eine gute Nacht, aber Mr. Mondal meinte, er würde in einer halben Stunde wiederkommen und noch ein wenig arbeiten. Ich weiß schon, warum er meint, dass seine Frau immer Stress machen würde.

Dienstag: Am Dienstag sollten wir dann nach Kolkata starten. Ein ex-Aiesecer, der in der Organisation zu Besuch war und den wir zehn Minuten gesehen hatten, hatte uns eingeladen. Vinay ist sein Name und im Moment arbeitet er mit seiner Freundin Ekta und einem Aiesecer aus Holland, Huub, an einem Klimawandelprojekt. Sie haben eine Website gestaltet (www.switchon.org.in) und gehen demnächst an die Schulen um dort über den Klimawandel zu informieren. Vinays Familie ist sehr reich (Sie besitzen neben dem gesamten sechsstöckigen Haus in Kolkata auch noch einen Palast in Rajasthan), so dass er im Moment nicht arbeiten braucht und das Projekt so finanzieren kann. Außerdem sind sie Vegetarier und doch alle recht beleibt. Wie das möglich ist merkte ich beim Essen, es gibt zu jeder Mahlzeit reichlich Weißbrot mit Butter anstatt dem üblichen Reis. Ich bin mit Tina dann shoppen gegangen. Warum weiß ich auch nicht. Wir sind durch 500 Geschäfte gelaufen und Tina hat sich neue Schuhe und eine Handtasche aus Leder gekauft. Die Schuhe haben ein Euro fünfzig gekostet und die Handtasche sieben Euro. Hat sie wenigstens ein Schnäppchen gemacht, obwohl die Tasche wohl immer noch zu teuer war, denn sie hat noch ein Portemonnaie geschenkt bekommen. Besonders bemerkenswert war das Schuhgeschäft, in dem es eine Rolltreppe gab. An sich nichts besonderes, in Kolkata schon. Zwei Mitarbeiter waren nur damit beschäftigt den Menschen auf die Rolltreppe zu helfen, weil die meisten so etwas nicht kennen.
Ab neun sind wir dann alle zusammen mit Ektas Bruder Dhawan und einem Freund von Vinay losgezogen um die Tempel in der Stadt zu sehen. Es war grandios. Überall hingen bunte Lämpchen und beleuchteten alles, manche wurden mit Solarenergie oder Windkraft betrieben, die Tempel waren sehr beeindruckend und alle in vollkommen unterschiedlichen Stilen erbaut und die ganze Stadt war auf der Straße. Wir sind noch Riesenrad gefahren, haben auf Ballons geschossen (zu gewinnen gab es Plastikkörbe), einen Mitternachtssnack in Form eines Linsengerichtes zu uns genommen und einen Tempel nach dem anderen besucht. Natürlich waren wir auch in Kolkata eine Attraktion, insbesondere da wir unser indisches Outfit anhatten (Huub hatte sich eines von Vinay geliehen) und so waren wir wieder ständig am Händeschütteln. Um vier sind wir dann wieder aufgebrochen, da allen die Füße wehgetan haben. Die Party war aber lange noch nicht vorbei. Bis sieben Uhr geht es meistens. Erstaunlich war für mich, dass selbst die Kinder um vier noch auf den Beinen waren und mit ihren Eltern durch die Gegend liefen.

Mittwoch: Am Mittwoch stand, nach kurzen Schlaf bis halb zehn, tagsüber ein Videodreh für die Website auf dem Plan. Tina konnte da natürlich einige Tipps geben, ich war im Internet und habe über den Zusammenbruch der Finanzwelt gelesen. In Indien ist die Börse von 22.000 Punkten im November 2007 auf 10.500 abgestürzt und in der Zeitung stand, dass ein Börsenmakler erst seine Familie und dann sich umgebracht hat, weil er alles Geld verloren hat. Außerdem begann ich ein sehr interessantes Buch über den Klimawandel zu lesen. Abends sind wir mit Dhawan eine Shisha rauchen gegangen. Die erste Shishabar war geschlossen, da es ein neues Anti-Rauchergesetz in Kolkata gibt. Die zweite Shishabar hat aber die Behörden bestochen und so konnten wir ungestört rauchen. Zurück in Vinays Haus war ein Gast dort, der auch eine Klimawandel-NGO betreibt und interviewt werden sollte. Ich habe mich ein wenig mit ihm unterhalten und er erzählte mir, dass er begeistert von Deutschland sei. Er hat sogar Ende der 80er deutsch gelernt und war 1993 für sechs Wochen in Frankfurt und Stuttgart zum arbeiten bei einem Unternehmen, dass Dämmstoffe für die ESA herstellt. Leider musste er die meiste Zeit arbeiten oder an Konferenzen teilnehmen und hatte so keine Zeit Deutschland zu besichtigen. Was er unbedingt angucken möchte sind Ostsee und Schwarzwald. Ich habe ihn nach Kiel eingeladen, aber ich glaube ihm fehlt das nötige Kleingeld für einen Besuch.
Nach dem Abendbrot fuhren Tina, Huub, Dhawan und ich zu dem Freund von Vinay, da dort eine Party steigen sollte. Wir fuhren für zwei Euro 20 Minuten mit dem Taxi etwas außerhalb der Innenstadt. Dort war ein Wohnkomplex mit modernen, gepflegten Anlagen in denen die Reichen der Stadt wohnen. Diese hatten auch einen bekannten DJ engagiert und so tanzte die Menge draußen zu indischer Musik. Alle waren vollkommen durchgeschwitzt, als wir dazustießen, da sie schon seit acht bei 30 Grad am Tanzen waren. Wir mischten uns unter die Menge und tanzten mit. Am Ausschweifendsten feierte aber nicht die Jugend sondern die Generation um die 40. Nachdem der DJ um halb elf verschwand und ein anderer übernahm lud uns Vinays Freund in seine Wohnung ein. Was für eine Luxushütte. Die Wohnung liegt im achten Stock mit super Blick auf die Stadt und würde in Deutschland wohl um die 200.000€ kosten. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass auch Vinays Freund ehemaliger Aiesecer ist. Er kannte sogar die gleichen Trinkspiele, die wir in Deutschland auch spielen (Zoom und Boat Race). Außerdem erfuhren wir, dass seine Familie dick in der Stahlbranche ist und dass er seit sechs Jahren verheiratet ist, er ist 26, sie etwa 21. Was ist das eigentlich für eine Unsitte, dass alle hübschen Frauen in meinem Alter schon jahrelang verheiratet sind?
Nachdem wir Mangoeis gegessen hatten fuhren wir wieder in die Stadt in einen angesagten Club. Tina ist im Auto eingeschlafen, ihr war nicht mehr so nach Club aber wir konnten ja mal reinschauen. Nachdem wir dann aber erfuhren, dass der Eintritt pro Person 25€ beträgt haben wir uns doch umentschieden. Nur zum reinschauen war das nun doch zu teuer. Der Rest der Gruppe ist dann ohne uns rein gegangen. Einmal kurz die goldene Visacard gezückt und rein ging es. Insgesamt haben sie 15.000 Rupien bezahlt. Viele Familien auf dem Land leben von weniger als 100 Rupien am Tag, die VSSU Kredite beginnen mit 5000 Rupien aber das nur mal am Rande.
Mit Dhawan gingen wir erst in ein chinesisches Restaurant, wo wir ein paar Kleinigkeiten aßen und ein Bierchen tranken. Es war schon halb eins geworden und es kamen noch ganze Familien rein um zu Essen. Das Restaurant war voll belegt.
Danach sind wir noch einen Kaffee trinken gegangen und haben uns unterhalten. Dhawan erzählte uns, dass er das traditionelle indische Leben nicht mag. Bis vor einem Monat hatte er auch noch lange Haare, etwas was die meisten Leute hier mit Drogen verbinden. Seine Eltern sind zwar nicht gerade zufrieden mit seinem Lebensstil, bezahlen im aber trotzdem alles was er haben will. Sein Traum ist es in England zu studieren und dann dort zu bleiben. Wir mussten ihm eine Menge über das westliche Leben erzählen, ganz besonders wie das mit den Beziehungen abläuft. Wir spielten dann noch eine Runde Scrabble auf Englisch, bei der Huub und ich natürlich keine Chance hatten und wiederum um vier kamen wir zu Hause an. Erstaunlich für mich war noch, dass die Bedienstete die im Haushalt arbeitet im Wohnzimmer auf dem Fußboden schläft.
Donnerstag: Am Donnerstag wollten wir eigentlich wieder zurück aber Tina bekam eine Mail, dass sie zu einem telefonischen Bewerbungsgespräch um halb neun abends eingeladen ist. Sie hatte sich bei einigen Unternehmen beworben und ein Unternehmen aus den Staaten hatte sich daraufhin gemeldet. Da es auf dem Land etwas schwierig ist mit telefonieren ins Ausland entschieden wir uns noch zu bleiben und das Gespräch über Skype zu führen. Ich wollte endlich das Museum besuchen, das aber am Donnerstag geschlossen war… So verbrachte ich den Tag mit lesen im Reiseführer um endlich mal einen Überblick zu bekommen, was ich machen möchte. Ich habe mich jetzt entschieden erst einmal nach Darjeeling zu fahren und dann weiter Richtung Delhi. Tina wird wohl gar nicht richtig reisen, denn wenn sie den Job bekommt muss sie Internet haben, da sie irgendetwas online bearbeitet oder so. Ihr Plan ist, erst bei VSSU zu bleiben und dann nach Delhi zu reisen und von dort aus Tagestouren zu unternehmen. Ein wirklich grandioser Plan. Da ist sie schon mal in Indien und dann zieht sie es vor zu arbeiten anstatt sich das Land anzugucken, vor allem da sie das Geld noch nicht einmal wirklich braucht. Ich verstehe das nicht, aber muss ich ja auch nicht.
Mit Dhawan sind wir dann abends wieder losgezogen, Vinay und Ekta hatten noch zu tun. Zuerst waren wir bei einem Laden wo wir Milch mit Cola tranken. Es hört sich schlimmer an, als es ist. Auf den Straßen war jede menge los, denn alle Götter aus den Tempeln wurden auf LKW durch die Straßen gezogen um schließlich im Hoogly baden zu gehen. Überall waren Trommler und die Leute haben auf den Straßen getanzt. Huub und ich wurden einmal von einer Meute umringt und mussten mittanzen bis Dhawan uns dem Getümmel befreien konnte. Wir fuhren mit dem Taxi zum Fluss um dort der Zeremonie beizuwohnen. Es waren so viele Menschen mit ihren Göttern dort und im Minutentakt wurden Statuen im Wasser versengt. Es muss ein toller Anblick sein jetzt durch den Golf von Bengalen zu fahren.
Ein kleiner Exkurs in Sachen Taxifahren in Kolkata. Kaum ein Fahrer kennt sich aus, da die meisten aus den umliegenden Bundesstaaten kommen und so die Stadt kein Stück kennen. So kommt man häufig erst mit Umwegen an sein Ziel, so fern es sich nicht um eine der Hauptattraktionen handelt. Um den Preis zu ermitteln multipliziere man den Betrag des Taximeters mit zwei und addiere noch einmal zwei. Und nachts gelten rote Ampeln nicht. Wenn die Kreuzung frei ist wird einfach drüber gefahren. Die Polizisten, die an jeder großen Kreuzung sitzen stört das auch nicht. Außerdem sind viele Taxen einfach zu klein für mich, so dass ich meinen Kopf schräg halten muss um nicht ständig gegen das Dach zu stoßen.

Freitag: Nach dem frühstück und einer Dusche fuhren wir mit dem Zug wieder nach Laxmikantapur. Es war ungewöhnlich still, da alle Leute müde waren und außerdem eine drückende Hitze bei 100% Luftfeuchte. So konnte ich in VSSU gleich wieder duschen. Den Nachmittag habe ich damit verbracht weiter das Dokument über Einkommensmaßnahmen zu lesen und mich von dem anstrengenden Fest zu erholen. Darpan kam zwischendurch und meinte wir müssten abends unbedingt ins Dorf kommen, da sie die Götter im Dorfteich versenken würden. So gingen wir um acht ins Dorf. Viele waren am Tanzen, Männer und Frauen tanzen getrennt und der Rest stand drum herum. Aus jedem Haus bekamen die Götter etwas zu essen und zu trinken von den Frauen gereicht. Warum die Bengalen eigentlich keinen Alkohol trinken wurde mir beim Tanzen klar. Die Männer waren fast alle betrunken von irgendeinem selbst gebrannten Zeug und rempelten, schubsten und zogen ohne Ende. Ständig fiel einer auf den Boden oder bekam einen Ellenbogen in die Rippen (inklusive mir). In Deutschland wäre bei solchen Sachen schon eine Massenschlägerei ausgebrochen aber hier nehmen die Leute das hin und tanzen einfach weiter. Nach drei Stunden waren alle vollkommen Nass geschwitzt und es ging daran die Götter zu baden. Ich wollte meine Kamera holen, wurde aber von Mr. Mondal aufgehalten um mit Tina und ihm einen Tee zu trinken. Und auf eine Einladung zum Tee gibt es hier nur eine Antwort: Yes, please. So verpasste ich leider die Zeremonie. Nach dem Tee ging ich wieder zum Festplatz wo es nun Essen für das ganze Dorf gab. Ein einfaches Gericht aus Linsen und Kartoffeln aber sehr schmackhaft. Tina und Mr. Mondal kamen kurz darauf auch und setzten sich an einen Tisch. Ich saß mit den Dorfbewohnern im Schneidersitz auf dem Boden und unterhielt mich mit einem Kerl in etwa meinem Alter der Privatunterricht in Englisch gibt. Um halb eins war das Essen vorbei und wir bekamen noch eine kostenlose Sprite. Dann war Durga Puja zu Ende. Ein wunderbares Fest. Wenn ihr vorhabt irgendwann einmal nach West Bengalen zu kommen, kommt zu Durga Puja.
Bezahlt wird das Fest auf dem Dorf übrigens von den Bewohnern. In der Stadt spenden Organisationen oder Unternehmen manchmal Tempel. Der Tempel aus Drahtgeflecht zum Beispiel wurde vom Stahlgeschäft von Vinays Freund bezahlt. Für den Rest wird in Kolkata eine Sondersteuer erhoben. So vier Seiten sind jetzt auch genug. Guckt euch die Fotos an, dann bekommt ihr eine Vorstellung von dem was in den Dörfern und Kolkata los ist.

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